Café Pssst!

Das Café Pssst! (Eigenschreibweise mit Ausrufezeichen; in Medien mitunter vereinfacht ohne) war ein Bordellbetrieb im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Bundesweit in die Schlagzeilen geriet das in der Nähe des Fehrbelliner Platzes gelegene Etablissement durch ein als Präzedenzfall gewertetes Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin. Die Besitzerin des Café Pssst!, Felicitas Schirow (damals: Felicitas Weigmann), erreichte mit diesem Urteil die offizielle Anerkennung ihres Lokals als Anbahnungsgaststätte für sexuelle Dienstleistungen. Das am 1. Dezember 2000 verkündete Urteil gilt darüber hinaus als wichtiger Meilenstein auf dem Weg zum aktuellen, 2002 verabschiedeten Prostitutionsgesetz sowie allgemein zur Entkriminalisierung der Prostitution in Deutschland. Ende November 2015 wurde das Café Pssst wegen Miet- und Steuerschulden zwangsgeräumt.

Im Jahr 1997 eröffnete die Krankenschwester, Ex-Prostituierte und Kauffrau Felicitas Weigmann das Café Pssst! in der Brandenburgischen Straße in Berlin-Wilmersdorf. Das zur Straße gelegene Café war als Ergänzung zu dem Escort-, Beherbergungs- und Zimmerbetrieb im Hinterhaus konzipiert. Möglicherweise aufgrund der offenen Deklarierung als Anbahnungsgaststätte für gewerblichen Sex kündigte das Bezirksamt Wilmersdorf 1999 die Gaststättenlizenz. Standpunkt der Behörde: Die Kontaktgespräche zwischen Prostituierten und Freiern im Café sowie der damit verbundene Zimmerbetrieb im Hinterhaus leisteten der Unsittlichkeit Vorschub. Bei einer ersten mündlichen Anhörung nahm die Behörde – auf Drängen des Gerichts – die Kündigung der Konzession vorläufig zurück. Einen entscheidenden Sieg erreichte Felicitas Weigmann mit dem am 1. Dezember 2000 verkündeten Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts. Als Entscheidungsgrundlage dienten dem Gericht unter anderem angefragte Stellungnahmen unterschiedlicher gesellschaftlicher und sozialer Organisationen – darunter die Caritas, Pro Familia, der DGB, der Bund Deutscher Kriminalbeamter, der Deutsche Städtetag sowie die IHK. Aufgrund der fast einhelligen Ablehnung illegalisierender Eindämmungs- und Bekämpfungsstrategien gab das Gericht der Klägerin Recht.

Die Einstellung der Gesellschaft zur Prostitution, so Richter Percy MacLean in seiner Urteilsbegründung, habe sich mittlerweile grundlegend gewandelt. Sie sei daher durchaus mit den guten Sitten vereinbar – unter der Voraussetzung, dass sie freiwillig und ohne kriminelle Begleiterscheinungen geschehe. Die im Januar 2001 veröffentlichte Urteilsbegründung fokussierte nicht wie bis dato geläufig auf den Punkt der Sittenwidrigkeit. Vielmehr rückte sie Werte wie Freiwilligkeit, Einvernehmlichkeit sowie Selbstbestimmung in den Mittelpunkt. Prostitution, die von Erwachsenen freiwillig und ohne kriminelle Begleiterscheinungen ausgeübt werde, sei nach den mittlerweile anerkannten sozialethischen Wertvorstellungen nicht mehr als sittenwidrig anzusehen. Resummée des Urteils: „Wer die Menschenwürde von Prostituierten gegen ihren Willen schützen zu müssen meint, vergreift sich in Wahrheit an ihrer von der Menschenwürde geschützten Freiheit der Selbstbestimmung und zementiert ihre rechtliche und soziale Benachteiligung.“ Seitens der Medien fand das Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts breite Aufmerksamkeit. Die schriftliche Urteilsbegründung löste große Nachfrage aus. Im Nachhinein wird das Urteil als wichtige Vorläuferentscheidung des 2002 verabschiedeten Prostitutionsgesetzes gewertet. Das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf strebte zunächst eine Urteilsrevision in der nächsthöheren Instanz an. Am 17. Oktober 2002 schließlich wurde der Rechtsstreit zwischen Betreiberin Weigmann und den Bezirksbehörden endgültig beigelegt: Das Café Pssst! erhielt eine Konzession für Gastronomie und Beherbergung „mit der besonderen Betriebsart: Bordell.“ Kündigungsbedingte Pläne, ein neues Lokal in der Kurfürstenstraße im benachbarten Ortsteil Schöneberg zu eröffnen, zog Felicitas Weigmann bereits im Frühjahr 2002 – noch vor der geplanten Eröffnung – wieder zurück, unter anderem, wie sie einräumte, aufgrund des Widerstands dortiger Anwohner.

Sozial abgesicherte Arbeitsverhältnisse, ein vergleichsweise erträgliches Arbeitsklima sowie, allgemein, eine „nette“ Form der Prostitution sind nach wie vor Alleinstellungsmerkmale des Café Pssst! – auch wenn sein Bekanntheitsgrad mittlerweile deutlich geringer ist als zu Zeiten des Prozesses. Der eigentliche Bordellbetrieb findet nach wie vor im angrenzenden Hinterhaus statt. Das Café im Vorderhaus dient lediglich der Kontaktanbahnung. Die eher kleinen Räumlichkeiten sind auf normalen Gastronomie- und Barbetrieb ausgelegt. Die Berliner Zeitung nannte in einem Bericht „[…] Spiegel, rote Tapeten und schummriges Licht wie in anderen Bars auch. Es läuft ‚Kuschelrock‘. Auf dem Tresen eine Skulptur: eine nackte Liegende neben Schälchen mit Kartoffelchips. Männer stehen dicht gedrängt an der Bar, junge und alte, in Rollkragenpullover oder mit Schlips.“ Die vom Artikelautor befragten Frauen äußerten sich durchweg positiv über ihre Arbeitsbedingungen. Eine Reihe gab an, durch die Arbeit im Café Pssst! ihr Erstjobs-Gehalt aufzubessern. Der Buchautor Thomas Brussig beschrieb Arbeitsbedingungen und Atmosphäre ebenfalls mit positivem Tenor: „Im ‚Café Pssst!‘ ist tatsächlich vieles anders als in anderen Etablissements. Es gibt eine Hausordnung für Männer und eine für Frauen, wobei letztere viel umfangreicher und restriktiver ist. Und: Es scheint, daß im ‚Café Pssst!‘ jede Frau das Recht hat, einen Mann ins Bett zu locken, sofern sie sich gewissen Regeln unterwirft. Felicitas Weigmann verdient durch den Barbetrieb und die Zimmervermietung. Die Frauen verdienen am Sex. Sie haben das Recht, zu kommen und zu gehen, wann sie wollen, und sie können laut Hausordnung einen Kunden bei Antipathie ablehnen.“ Auf die grundlegenden Regeln weisen Unterseiten auf dem Webauftritt des Cafés hin. Downloadbar ist dort auch ein von Felicitas Weigmann intonierter Song aus der Zeit des Rechtsstreits mit der Bezirksverwaltung (Titel: Weißt du, wie viel Sternlein stehen).

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